Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Amorat der Narr
…ich hätte mich fressen lassen sollen – dachte Amorat der Narr.
Er träumte letzte Nacht von einem Tiger, der hinter ihm her war – er flüchtete und half noch ein paar Menschen, sich vor dem Tiger in Sicherheit zu bringen – jemand sagte – wie willst du ein Wesen bezwingen, das nur aus Kraft besteht, praktisch aus reiner Energie? – keine Ahnung, Amorat der Narr wachte auf und der Traum ließ ihn nicht los.
Ich hätte mich stellen sollen, dachte er – es ist aber schwer gegen die Urangst des Menschen vor dem Tiger anzukämpfen, sie ergriff ihn, bevor er darüber nachdenken konnte – später wusste er aber: das war die einzige Möglichkeit, mit dieser Urkraft klarzukommen – Bewusstsein und Energie – das hätte geknallt, dachte er, doch es war zu spät. Aus Angst wechselte er die Ebene (er wachte auf) und die Möglichkeit war vorbei.
Er erinnerte sich, wie er schon mal mit reiner und wilder Kraft konfrontiert wurde – damals erkannte er die Kraft als solche und stellte sich dem Stier – er sprach mit ihm und dann bezwang ihn mit einem krassen Schrei durch viele Ebenen (bis in die allgemein reale, wo er sich selbst und noch ein paar Leute weckte…) – so etwas nennen Indianer Träume der Kraft, heute Nacht hat er einen nicht genutzt – schade, dachte er – vielleicht sollte ich mal mit Wakan Tanka darüber sprechen.
Ein paar Tage später bekam er die Gelegenheit – Wakan Tanka lief ihm beim Fluss über den Weg.
Sie setzten sich am Ufer hin und betrachteten das Wasser. Du wechseltest die Ebene, weil du nicht bereit warst – sagte Wakan Tanka – deine Angst beschützte dich vor dem Tiger, wie sie unsere Ahnen schon immer vor dem Tiger beschützte. Für die Kraft des Stiers warst du bereit, für die des Tigers noch nicht, aber sie ist hinter dir her – vielleicht solltest du dich vorbereiten.
Was soll ich tun? - fragte Amorat der Narr und stellte fest, dass er sich selbst diese Frage stellte, denn er saß alleine am Ufer des Flusses. Wakan Tanka war wieder verschwunden, so plötzlich wie er aufgetaucht ist.
Höre den Wind bevor du die Wellen siehst, sagte eine Stimme, während ein Windstoß über das Wasser lief – Hexagramm 61 – Dschung Fu – Die Innere Wahrheit – oben Sun, das Sanfte, der Wind – unten Dui, das Heitere, der See - „…über dem See weht der Wind und bewegt die Oberfäche des Wassers – so zeigen sich sichtbare Wirkungen des Unsichtbaren…“
Amorat der Narr war ein Träumer. Ein notorischer Tag- und überzeugter Nachtträumer.
In Gedanken webte er viele der am Tag erlebten Situationen weiter, kurze Episoden, die im Tagesverlauf irgendwie wichtig waren, träumte er weiter aus, bis ins kleinste Detail – er erinnerte sich quasi an etwas, was im Prinzip nur einen kleinen Auslöser hatte – manchmal nahm es ihn sehr mit, er hatte oft das Gefühl, dass er sich daran erinnern muss, weil egal wie er sich abzulenken versuchte – er kehrte immer wieder zu dieser einen Erinnerung zurück, nur dann vielleicht wieder ein Stück weiter, bis zum Punkt, wo dieser Drang (oder die Kraft) sich zu erinnern – zu träumen – nachließ.
Nicht immer – manchmal träumte er einfach so vor sich hin, das besonders nachts.
Was tagsüber ein Gedanke war, war nachts eine Realität, manchmal so irreal wie die Gedanken am Tag, und manchmal realer als die Realität selbst, so intensiv, weil nicht nur auf die fünf grobstofflichen Sinne begrenzt, die am Tag die Hauptquelle des Konstrukts sind. Er wusste oft, dass er träumte, denn egal ob bei Tag oder Nacht, oft erinnerte er sich selbst: „es ist nur ein Traum…“ – was tagsüber nur ein Gedanke war, wurde nachts zu einer Gewissheit, die die Wahrnehmung verschärfte und ihm eine gewisse Kontrolle über den Traum gab – er nutzte sie meistens dazu, sich zum reinen Beobachter zu machen – zur reinen Wahrnehmung – manche Träume warfen Licht auf die Welten, in denen er lebte, und manche auf die, die er nur als eine Erinnerung kannte – er erinnerte sich auch manchmal an die Zukunft, oft an so banale Situationen, wie eine Reifenpanne - wie zum Beispiel letzten Dienstag – er träumte, wie rote Flüssigkeit aus einem Reifen auslief – er hatte letztes Jahr oft Pannen, so kaufte er irgendwann Schläuche mit einer Anti-Pannen-Flüssigkeit drin (auch nach einem Traum) und hatte seitdem Ruhe – na ja, Dienstag eben träumte er vom platten Reifen und am Freitag wollte nach Feierabend nachhause fahren, nimmt sein Fahrrad, prüft aus Gewohnheit den Reifendruck und fühlt plötzlich, wie ihn der Traum aus Dienstag einholt – der hintere Reifen war platt – er untersuchte ihn und fand einen großen Glassplitter mitten in zäher, rötlicher Flüssigkeit – die Anti-Pannen-Flüssigkeit triefte aus dem Loch – …ech diese Träume…- dachte er leicht verärgert, als er das Rad zu der glücklicherweise nah gelegenen Tankstelle schob – später dachte er aber – selber schuld, anstatt mal Flickzeug oder einen neuen Schlauch mitzunehmen, weil er schon ahnte, dass ihn der Traum nicht täuschte, tat er so, als ob nichts wäre (und war froh, dass zwei Tage lang nichts passierte) – es ist alles nur ein Traum, deshalb nahm er es gelassen, trotzdem fragte er sich – wäre es passiert, wenn er reagiert hätte? Wenn er vor einem Monat schon, wie er vorhatte, die dünnen, abgefahrenen Reifen doch gewechselt hätte? Er war sogar im Fahrradladen und erkundigte sich nach Preisen für gute neue, weil ihm klar wurde, dass die häufigen Pannen letztes Jahr aufs Konto der alten Reifen gingen, und die Spezial-Schläuche und der Winter die Sache nur verzögerten – aber er tat nichts. Bis zu dem Traum, bis zu der Panne – erst dann tat er, was getan werden musste. Er wurde dazu gezwungen.
Manchmal aber musste er nicht gezwungen werden.
Manchmal handelte er – irgendwann Anfang Mai träumte er von Bergkristallen und wusste, dass es an der Zeit war, welche zu besorgen. Er bestellte welche und sie kamen – rechtzeitig mit dem sommerlichen Wetter. Die Bergkristalle, die er in der Umgebung einpflanzen sollte. Einige sind schon da, wo sie sein wollten – ein paar kleinere in der Erde, ein paar größere im Gewässer (im Fluss sogar schon zwei), einer wurde verschenkt. Er hat immer mindestens zwei in den Taschen, wenn er unterwegs ist.
So wurde Amorat der Narr zum Gärtner, der träumte, dass er Bergkristalle einpflanzte.
So wird er auch vom Wirken seines Tuns träumen. Ganz wie in Gedanken von Hesse:
"...nichts entzieht sich der Darstellung durch Worte so sehr und nichts ist doch notwendiger, den Menschen vor Augen zu stellen, als gewisse Dinge, deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist, welche aber eben dadurch, dass fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermaßen als seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden".
Er war zwar weder fromm noch besonders gewissenhaft, doch er behandelte viele Dinge, deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist, als seien es seiende Dinge, weil er sich selbst als Teil von ihnen wahrnahm.
Als „wahr“ nahm ?
Er wusste, dass er träumte...
(er wusste aber nicht, dass auch er nur geträumt wurde)
(Mai 2008)
Sitzend, Gedanken beobachtend.
Wer ist denn der, der denkt?
Und wer, der beobachtet?
Es ist die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst - sagte Amorat der Narr – unbeschreiblich, tiefgehend und herzergreifend – das Leben will leben, sich selbst erleben und erfüllen...
Amorat der Narr schloss seine Augen und lächelte – er begriff seinen Traum von dem Stern, der da in ihm strahlte, öffnete seine Augen und der Traum ging weiter, wie immer, wenn aus dem Leben ein Lieben wird.
Das Ewige spiegelt sich nur im Sterblichen, das kommt und geht wie sich das Rad dreht.
Amorat der Narr glaubte, er wäre ein ganz normaler, realer Mensch aus Fleisch und Blut, der in einer ganz normalen, realen Welt lebte, so wie es alle Narren glauben - er wusste nicht, dass er nur im Mind eines anderen imaginären Wesens existierte, das Mahasamatman der Schweigsame genannt wurde – dieser wusste zwar, dass er nur im Mind eines noch anderen Meisters existierte, das hinderte ihn aber nicht daran, sich gelegentlich selbst wichtig zu nehmen (obwohl er ernsthaft daran arbeitete – zum Beispiel änderte er in seinen Meditationen die magische Formel Ich Bin in Wir Sind, weil er spürte, dass er nicht allein war… er war überhaupt ein wenig seltsam – viele Menschen können mit anderen Menschen reden, einige sprechen mit Tieren, ein paar vielleicht mit den Pflanzen – er sprach mit den Steinen, der Erde und den Sternen, was ihn unter den Menschen so ziemlich alleine machte – das machte ihm allerdings nicht wirklich viel aus).
Amorat der Narr saß in seinem Zimmer in dem alten Haus, schaute aus dem Fenster und beobachtete die Baumkronen, die im Herbstwind rauschten - ihr Gelb strahlte in der untergehenden Sonne, der blaue, wolkenlose Himmel wirkte so wunderbar klar.
das gelb verdrängt das grün
strahlend in der abendsonne
auf dem weg in den kühlen schlaf
aus dem Nichts kommend
ins Nichts gehend
ein flüchtiger gedanke
Amorat der Narr ging langsam den Fossilienweg am alten Steinbruch entlang, hinunter zum Fluss.
Es roch nach feuchter Erde und Laub, der Tag war grau und irgendwie trostlos.
Fossilienweg. Der Weg, den die Menschheit seit vielen Jahren schon geht. Fossile Energie. Erst Kohle, dann Erdöl und Gas. Das Industriezeitalter begann und damit der Hunger nach Öl.
Er dachte über den Artikel nach, den er vor kurzem in einer Netz-Zeitung las – fast die Hälfte des Ölvorkommens auf der Erde ist schon verbraucht, die Fördermengen erreichen langsam das Maximum. In nur Hundert Jahren pumpten (und verbrannten) wir die Hälfte dessen aus, was Millionen von Jahren brauchte, um zu entstehen.
Die Technologie braucht Energie – es wird aber Zeit, den Fossilienweg zu verlassen, er wird so oder so bald enden.
Energie. Irgendwo Anfang Oktober war der Tag X (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26352/1.html) – der Tag, ab dem die Menschheit bis Ende des Jahres auf Pump lebt. Man hat ausgerechnet, dass wir momentan ca. 1,3 Planeten brauchen, um unseren Ressourcebedarf zu decken. Wir haben aber nur einen Planeten – so beuten wir mehr Ressourcen aus, als er uns zu geben imstande ist. Tendenz steigend – jedes Jahr verschiebt sich der Tag X immer ein paar Tage nach vorne, zum Anfang des Jahres. Wie lange soll es gut gehen?
Wie lange soll es gut gehen? – fragte laut Amorat der Narr.
Keine Ahnung.
Amorat der Narr saß auf einem großen Stein am Fluss und fühlte, wie sich die Nacht näherte. Er dachte über seine Aufgabe für das nächste Jahr nach (er dachte, es wäre seine Idee – dabei war es nur ein Gedanke, den eigentlich Mahasamatman der Schweigsame während einer Bergkristall-Meditation empfing und an ihn weiterleitete) – er mochte Steine im Allgemeinen, Kristalle aber besonders, so dachte er – er besorgt sich von einem Großhändler kiloweise rohen Bergkristallbruch und wird dann während seiner Wanderungen die Kristalle in der Umgebung einpflanzen. So könnte er etwas für die Gaia und die hier lebenden Menschen tun – die Kristalle würden die Grundschwingung der Gegend erhöhen (Mahasamatman der Schweigsame dachte ähnlich – nur mit dem Zusatz, dass er damit ein Lichtnetzwerk aufbauen würde, das an das Zentrum der Erdenhüter angeschlossen wäre – dieses Zentrum ist seit ein paar Jahren aktiv und die Wirkung seiner Präsenz nicht zu übersehen – die dort zusammenwirkenden Erdenhüter sendeten ihm diese Botschaft).
So fand er einen neuen Grund, sich auf den Frühling zu freuen. Er wird im Frühling damit beginnen, wenn die neuen Lebensenergien aufsteigen – in Erde, Baumlöcher, Flüsse und Seen – überall wo er hinkommt, wird er eine Spur hinterlassen. Einige Kristalle wir er auch so platzieren, dass sie von Menschen gefunden werden – die Kristalle werden schon von alleine dafür sorgen, dass sie von den richtigen gefunden werden. Seine Wanderungen bekommen einen neuen Sinn – auch das freute ihn.
Wir sind die Heilende Gegenwart – sagte Mahasamatman der Schweigsame und schwieg.
Kristalle sind Gehirnzellen der Großen Mutter – sagte Wakan Tanka und schwieg auch, an seiner langen Pfeife ziehend. Er reichte sie an Mahasamatman – er zog behutsam daran und beobachtete den Rauch, der graziös im Raum tanzte.
Plötzlich stellte er fest, dass sich der Raum auflöste.
Dass er sich auflöste – er schaute auf und sah nur noch Sterne.
Wir alle sind Sterne, die vergessen haben, dass sie Sterne sind. – dachte Amorat der Narr, als ihm die Kälte der Nacht durch den Rücken ging – es wird Zeit heim zu gehen.
(November 2007)
Amorat der Narr ging schweigend durch die Nacht - der schwarze Fluss neben ihm, die Sterne über ihm - sein Herz war schwer.
Es gab keinen besonderen Grund für seine Stimmung, die so dunkel wie die Nacht war - seltsam - auf eine Art genoss er diese wohlbekannte Traurigkeit, sie legte sich wie ein schwarzer Umhang über ihn und machte ihn still - kein Wort, kein Gedanke, Stille in seiner Seele.
Auch wenn das Herz schwer war - diese innere Stille mochte er.
Er wollte nicht darüber nachdenken, was sein Herz schwer machte - er ahnte es, wusste wo es her kommen könnte – da er aber nichts dagegen tun konnte, ließ er es sein…
Er blieb an einer Lichtung am Ufer stehen und lauschte auf die Stimmen der Nacht – die Stadt in der Ferne, der Wind in den Bäumen, hier und da ein Vogel oder anderes Tier im Gebüsch, und das leise Flüstern des Wassers – es war still, doch diese Stille lebte – genauso erging es ihm – es war still in ihm, doch diese Stille lebte – es war eine Gegenwart da, ein Raum in dem sich die Zeit abspielte, viele Räume und viele Zeiten, doch die Gegenwart blieb die gleiche – er erkannte sich selbst – wir sind eine lauschende Gegenwart – dachte es in ihm – er lächelte und sein Herz war nicht mehr so schwer – er stand noch eine Weile am Ufer, bedankte sich leise und ging weiter in die Nacht, die Dunkelheit verschlang seine Gestalt, es blieben nur leise Schritte im Dunkeln - ihr Klang führte ihn nach Hause.
Mahasamatman der Schweigsame saß noch eine Weile an seinem Meditationsplatz, dann wurde die Klangschale noch einmal sanft angeschlagen und er bewegte sich langsam mit dem Ton als Welle in Richtung der Stille, die das Nichts erfüllt.
Stille spricht (http://www.youtube.com/watch?v=zCzY2xMXBOI) – mit Worten von Eckhart Tolle
Alles hängt zusammen in einem großen Zusammenhang, auch wenn es verrückt klingt - dachte Amorat der Narr, als er langsam durch den Wald ging, den recht steilen Weg an der Bergflanke hinauf – er kam vom Flusstal und wollte zu dem kleinen Hügel oben auf dem Berg, der über die Baumkronen ragte und eine weite Sicht in alle Richtungen bot.
Er dachte an den Traum letzte Nacht – es war ein seltsamer Traum, voll das Abenteuer – er suchte mit einer Frau und noch ein paar Leuten nach einem Geheimnis – musste sich mit irgendwelchen Schurken rumschlagen, suchte nach versteckten Hinweisen und helfenden Artefakten – das wichtigste war der Siegel Salomons, den er irgendwann fand und niemandem davon erzählte, einfach wegen der Sicherheit – es war der Schlüssel zu dem Geheimnis. Er fand unterwegs einige nützliche Kristalle – Steine der Kraft – dabei waren zwei besonders Kraftvoll – ein Feuerstein und ein Machtkristall – der eine erlaubte ihm die Kraft der Feuers zu steuern, der andere verlieh ihm telekinetischen Kräfte. Die brauchte er auch, weil viele dunkle Gestalten hinter dem Geheimnis her waren und der Weg war sehr spannend – na jedenfalls stand er mit seinen Gefährten irgendwann in einem unterirdischen Gang vor einer Mauer – er wusste, dass hinter dieser Mauer der Weg zu dem gesuchten Geheimnis lag – die anderen wollten umkehren und nach einem anderen Weg suchen, doch er wusste, dass das der einzige Weg war, so fing er an, die Mauer einzureißen. Als ein Durchgang freigelegt war, kamen daraus einige seltsame, halb ätherische Wesen, die seine Truppe angriffen – als sie mit den Angreifern fertig waren, begann er sich auf den gefährlichsten Teil des Weges vorzubereiten – nur er alleine konnte da durch, weil er den Siegel hatte – so gaben ihm seine Gefährten ihre Kraftobjekte mit auf den Weg – er sammelte all seinen Mut und seine Kraft – und wachte auf…
Blöd, dachte Amorat der Narr. Die ganze Nacht träume ich so spannende Sachen, und kurz vor dem Schluss wache ich auf. So werde ich wohl nie erfahren, wonach wir da die ganze Nacht suchten. Nachdem er aufwachte blieb er noch eine Weile im Bett und ging dem Traum nach, doch dieser war weg und vorbei – nur noch einzelne Bilder und ein Geheimnis, das wohl für immer ein Geheimnis bleibt.
Er kam am Fuß des Hügels an und sah in den Himmel – dunkle Wolken zogen vom Westen her. Muss mich beeilen, dachte er, ein Gewitter zieht auf. Als er endlich oben war, schaute er in die Weite – über die Baumkronen hinweg, runter zum Tal, wo der breite Fluss sich seinen Weg in sanften Kurven zwischen den Feldern bannte – es war so friedlich und still. Seltsam still, dachte Amorat der Narr – die Vögel und Insekten verstummten, die Baumkronen rauschten nicht – der Wind schien seine Kraft zu sammeln - alle Welt verstummte in Erwartung auf das, was kommen sollte.
Es kam mit dem Wind. Dunkelheit legte sich über die Welt – der gerade noch helle Tag wurde zu einer geheimnisvollen, stürmischen Nacht. Seine Gedanken verstummten – er wurde von dem Naturschauspiel völlig überwältigt – die sich auftürmenden Wolken, die ansteigende Spannung, die plötzliche Dunkelheit, der immer heftigere Wind, der an der Welt herumzerrte – dann ein Gedanke: das ist der beste Platz, um einen Blitz zu fangen – und wie als Antwort auf diesen Gedanken schoss plötzlich ein mächtiger Blitz quer durch die Wolken, erleuchtete ihre Massen, die zerrissene Luft krachte und donnerte so dermaßen, dass dem Amorat das Herz stehen blieb und der Atem stockte – es war nicht nur Sehen und Hören – es war eine ganz und gar körperliche Empfindung, die ihn ins Herz traf und den ganzen Körper sternförmig durchströmte – er atmete tief durch und erst dann wachte sein Überlebensinstinkt wieder auf – du musst hier weg, dachte er – er schaute noch mal hoch und dachte – o.k. – Danke! – und machte sich auf den Weg runter.
Er war schon zwischen den Bäumen als der Regen kam und das Gewitter richtig loslegte – alles bebte unter den runterrollenden Donnern und zuckte unter der zischenden Blitzen, der Regen wirkte wie eine geschlossene, runterkommende Wassermasse – er wusste dass es nicht gut ist, sich im Gewitter zwischen den Bäumen aufzuhalten – aber was sollte er tun – er war nun mal im Wald – so ging er schnellen Schrittes den rutschig-nass gewordenem Weg hinunter und war eigentlich ganz ruhig – so völlig auf seine Füße konzentriert, dass er nicht mal merkte, dass er mittlerweile komplett vom Fuß bis Scheitel durchnässt war – sie trugen ihn sicher in den am Fuß des Berges liegenden Schloss-Park. Dort gab es Gewölbe aus Stein, wo man sich unterstellen konnte, um das Gewitter abzuwarten – so ein Gewölbe fand er auch und setzte sich hin – er dampfte – zum einen, weil er beim Abstieg heiß lief, zum anderen, weil die Luft sehr abgekühlte – und fühlte sich dabei ganz seltsam – das Gewitter tobte wild herum, doch in seinem inneren war es still – er schaute hinaus in den Regen – die Dunkelheit zog weiter – langsam wurde es heller, der Wind ließ nach, der Regen verlor an Kraft.
Nach einer Weile fingen die ersten Vögel zu singen, die ersten Insekten wagten sich in die frische, klare Luft – es wird Zeit zu gehen, dachte Amorat der Narr – einen Blitz am Tag zu fangen, das reicht.
Die Frage ist, sagte Wakan Tanka später, ob du einen Blitz gefangen hast, oder eher dass ein Blitz dich fing und durchdrang – nutze seine Kraft – es ist reines Licht.
Und was hat das mit meinem Traum und dem Geheimnis zu tun? – fragte Amorat der Narr.
Zum Einen: du bist im rechten Augenblick erwacht und zum Anderen - der Traum führte dich auf den Berg, damit du dort das Geheimnis erfahren kannst - sagte Wakan Tanka, der nur noch als tanzendes Lichtspiel auf der ruhigen Wassertafel des Flusses in der untergehenden Sonne zu erkennen war.
Amorat der Narr saß im Dunkeln in seinem Zimmer.
Warum ist es so dunkel hier? fragte er sich und wusste keine Antwort. Seltsam - dachte er – ich mach mal paar Kerzen an, wenn ich schon hier sitze. Er nahm das Feuerzeug in die Hand und versuchte eine Kerze anzuzünden. Es ging nicht, er versuchte es ein paar Mal, erfolglos - hm – dachte er wieder – warum funktioniert das Feuerzeug denn nicht… vorhin ging es noch… - dann kam ihm ein Gedanke, und er war sich nicht wirklich sicher, ob das sein Gedanke war (weil er schwören könnte, im gleichen Augenblick ein weit entferntes Gekicher gehört zu haben…) – „das ist ein seltsames Omen…“ - mit dem Gedanken kamen ein paar Bilder – ein kleines Zimmer in dem Hotel ohne Heizung an der Freak-Street in Kathmandu – er las diesen Satz in einem Buch als plötzlich das Licht ausging – es wurde plötzlich dunkel und der Satz hallte in seinem Kopf …das ist ein seltsames Omen… ein seltsames Omen… - ein anderes Bild auch im gleichen Zimmer – er wachte auf und versuchte eine Kerze anzuzünden – die ersten zwei Versuche scheiterten, bei dem dritten flammte die Kerze hell auf… es war kein Traum… – kein Traum, dachte Amorat der Narr – wenn das kein Traum war, dann ist das hier vielleicht einer – mal schauen, ob das elektrische Licht funktioniert - er stand auf, orientierte sich kurz in der Dunkelheit (warum war es so dermaßen dunkel?...) und fand den Schalter an der Wand – keine Funktion – er versuchte es paar mal und plötzlich war er sich sicher – es war ein Traum – er träumte und wusste es irgendwie – mehr Licht! – dachte er plötzlich und es wurde heller, nicht wirklich hell, aber die Dunkelheit verlor ihre Undurchdringlichkeit, die Kristalle in seiner Meditationsecke schimmerten mit einem schwachen Licht, das aus ihrem Inneren zu kommen schien – er schaute sich in seinem Zimmer um – es kam ihm fremd und doch bekannt vor, so als ob er es nach einer langen Abwesenheit wieder sehen würde… vielleicht war es doch mehr neu sehen als wieder erkennen… - im Bett lag jemand und atmete leise – wer ist das denn? – war der erste Gedanke – Moment – das bin doch ich… - dieser Gedanke erschöpfte ihn sichtlich – es zog ihn etwas zu seinem Körper – warte mal – dachte er – noch nicht… – er versuchte seine Aufmerksamkeit von seinem Körper abzulenken, doch es war zu spät… er fühlte seine Schwere, er fühlte und hörte sich atmen – dann machte er die Augen auf und es war dunkel, wie es nachts nun mal ist…
…war das ein Klartraum oder eine außerkörperliche Erfahrung?... fragte sich Amorat der Narr, als er im Badezimmer vor dem Spiegel stand – er schaute sich selbst in die Augen und erkannte sich nicht wieder. Eine Ahnung stieg in ihm auf und verunsicherte ihn – er sah in den Spiegel und erkannte langsam, dass der Traum weiter geht – seltsam, dachte er – ich leg mich ins Bett und der Traum beginnt, ich wache auf und der Traum geht weiter – träume ich wirklich immer noch? fragte er sich, und nur Mahasamatman der Schweigsame wusste, dass er der Wahrheit näher war als je zuvor…
Amorat der Narr hatte Angst. Es war kein Gedanke, keine Sache des Verstandes, keine intellektuelle Angst. Es war ein Gefühl, das in seinem Bauch bebte. Er kontrollierte es mit seinem Atem – seinen Kopf und all seine Aufmerksamkeit brauchte er jetzt für etwas ganz anderes. Er war mitten im Wald.
Einen halben Tag wanderte auf verschiedenen Pfaden, bis er die kleine Lichtung fand. Er saß dort eine Weile und dann wusste er – er musste es versuchen. Heute Nacht. Er legte sich ins Gras und schlief ein. Mitten in der Dämmerung wachte er auf, oder besser gesagt, das Gefühl im Bauch weckte ihn. Dann kam die Nacht, auf die er wartete und er wusste – sie war es, die in seinem Bauch bebte - ihre ganze Präsenz, ihre Gegenwart – Amorat der Narr schloss die Augen, dann öffnete er sie wieder – noch gab es einen Unterschied, hier auf der Lichtung, aber er wusste – im Wald wird es keinen Unterschied geben. Er hörte auf die Stimmen der Nacht, dort auf der kleinen Lichtung mitten im Wald und das Gefühl im Bauch wurde immer stärker. Er verstand, warum Angst vor der Dunkelheit in jedem Menschen so tief verankert ist. Die Menschheit kommt aus dem Wald – dort verbrachte sie ihre Kindheit – und nachts ist es im Wald unheimlich, weil es nachts keine festen Formen, dafür umso mehr Stimmen gibt. Genau aus diesem Grund war Amorat der Narr jetzt im Wald.
Es war eine Übung – er übte sich im Klarträumen. Es klingt einfach – bewusst im Traum zu sein. Bewusst träumen. Wissen, dass man träumt. Das ist es aber nicht.
Es sei denn man sitzt nachts alleine mitten im Wald. Und es ist sehr dunkel und sehr unheimlich… wie in einem schlechten Traum. Das müssen wir ändern, dachte Amorat der Narr, der sich fühlte, als ob das Dunkle und Unheimliche ihn förmlich durchdringen würde. Er atmete seine Aufmerksamkeit in den Bauch, wo dieses Gefühl bebte und zog es höher zum Herzen – von dort pulsierte es durch sein ganzes Wesen, aber es war nicht mehr bedrohlich. Er wurde zum Herzen der Nacht, zur Nacht selbst. Jetzt orientierte er sich – er öffnete den Fokus seiner Aufmerksamkeit so weit er konnte – er suchte den Weg. Und er sah ihn vor sich – er kannte den Wald, war hier seit vielen Jahren oft unterwegs, nur eben meist im Tageslicht. Nachts ist alles anders. Das wusste er, deshalb ging er im Geiste den ganzen Weg bis nachhause durch. Das war seine Absicht – den Weg nachhause zu finden. Durch die Dunkelheit, zu deren Teil er langsam wurde. Aber nicht ganz. Wir sind das Licht in der dunklen Nacht der Seele, dachte er, als er fühlte, dass er so weit war.
Jetzt – es war ein Gedanke, der aus seinem tiefsten inneren aufstieg und jetzt wie eine Seifenblase in seinem Kopf platzte – Amorat der Narr rannte los. Er musste rennen, er fühlte sich gezogen und geschoben zugleich – es war ein sicheres Gefühl – er war völlig auf seine Füße konzentriert – alles andere passierte wie von selbst. Er lief ein Stück durch den Wald, dann spürte er den festeren Weg unter den Füßen, hörte die Steinchen unter seinen Schuhen und seinen Atem – bald war er nur noch ein Stück atmende Dunkelheit in Bewegung. Er verlor völlig das Zeitgefühl, es kam ihm vor, als ob er eine Ewigkeit schon so durch die Dunkelheit liefe, als er den Bach leise rauschen zu seiner Linken hörte und wusste – gleich muss er die Richtung ändern.
Dann hörte er es. Es lief auf seiner Höhe, zur rechten, durch die vollkommene Schwärze. Eigentlich hatte er vor, dem Weg einfach zu folgen – er musste gleich irgendwann rechts weg vom Bach führen, da wurde ihm klar - direkt auf das, was neben ihm lief. Es war ein Impuls – er machte einen Satz links und sprang mit voller Wucht über das Wasser. Er lief in den Wald, hockte sich hin und horchte. Blut pochte in seinen Ohren – sein Herz schien alles andere zu übertönen, doch dann hörte er es – es lief weiter, wurde immer leiser, dann war es weg. Er wollte nicht nachdenken, was es war – er wusste nur eins – es hat ihn erfolgreich verwirrt. Er musste weiter, es dauerte aber eine Weile, bis er so weit war. Er ging los, so leise er konnte. Zwei Mal noch änderte er die Richtung, er folgte einfach seinem Inneren – der Kopf konnte ihm hier nicht mehr helfen – er wusste nicht wo er war, ahnte nur die Richtung, in die er gehen musste.
Dann kam er auf einen breiteren Weg. Er schien ihm richtig hell im Sternenlicht – hell und unbekannt. Amorat der Narr blieb stehen, schaute sich um. Trotz der Tatsache, dass die Wolken weg waren und es ein wenig Sternenlicht gab, konnte er nicht viel erkennen – es war immer noch Nacht. Er ging in die Hocke, nahm ein paar Steinchen vom Weg in die Hand und dachte nach. Seltsam, dachte er – so weit bin ich doch nicht gelaufen - an diesen Weg konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. Es war kein normaler Waldweg, der durch den Forstbetrieb entstanden wäre – es war ein Schotterweg und so was dürfte es hier gar nicht geben – es könnte irgendein privater Weg sein, der in irgendein Anwesen im Wald führte – davon gab es ein paar, aber nicht in diesem Teil des Waldes. Er saß so am Rande dieses Weges und hörte auf die Nacht. Der Wind rauschte in den Bäumen, hier und da raschelte etwas im Gebüsch – eine Maus vielleicht, oder ein Vogel – nichts beunruhigendes – und auch der Weg – er schien ihn einzuladen – komm, lass uns weitergehen…
Er stand auf und ging los in die Richtung, in die er sich gezogen fühlte. Nach ein paar Hundert Meter bog der Weg rechts ab und er sah ein erstaunliches Bild: eine schmale Mondsichel hing über einem recht großen Schatten – es war ein Gebäude, eine Kapelle vielleicht – oder eine Gruft, schoss ihm durch den Kopf – zusammen mit tausenden anderen Gedanken – er dachte an die vielen Filme, wo Leute nachts irgendwo irrten und dann in ein unheimliches Gebäude rein gingen, obwohl eigentlich jedem klar war, dass dort was schlimmes wartete (er schaute sich seit Jahren keine Horrorfilme mehr an – sie waren nicht gut für ihn, das wusste er – früher hat er aber einige gesehen und jetzt kamen die Erinnerungen…).
Verdammt – dachte er – ich bin in keinem Film und wenn, dann in meinem eigenem – sein kleines Mantra half ihm sich abzulenken, die gruseligen Vorstellungen zu beenden – nur in einer Sache war er sich mehr nicht mehr sicher – er wusste nicht mehr, ob er tatsächlich durch den Wald ging, oder es einfach nur träumte. Realitycheck – er hielt sich die Nase zu und versuchte zu atmen – dreimal versuchte er es und dreimal ging es nicht – also kein Traum. Zur Sicherheit zählte er noch die Finger an seiner Hand – es waren Fünf. Er war wach. Auch wenn er schwören könnte, dass er träumt. Er kannte den Wald – so etwas hat er hier noch nie gesehen.
Der Weg endete vor dem Eingang, dort blieb Amorat der Narr stehen und schaute auf die massiv wirkende Holztür. Eine Spannung baute sich in ihm auf – er wusste, er musste hinein – ein Teil von ihm wollte es unbedingt, ein anderer fürchtete sich. Er atmete tief und versuchte sein Inneres zu beruhigen und gleichzeitig auszusondieren, wo er sich diesmal reingeritten hatte. Er war müde und wollte nachhause – ja – das war es, was er vorhatte. Heim zu kommen. Raus aus dem Wald, zurück in die Zivilisation, in sein Bett. Seine Übung verlief nicht so, wie er vorhatte – er wurde abgelenkt und stand jetzt vor einem Rätsel. Und musste eine Entscheidung treffen. Entweder sich umdrehen und den Weg zurück laufen – er war sich sicher, dass ihn dieser Weg zu einer Straße führen würde und eine Straße wäre schon Zivilisation – oder hineingehen. Tiefer in den Traum, der keiner war. Irgendwas sagte ihm, dass sich einfach umdrehen und den Weg zurück zu laufen keine Option war – irgendwas führte ihn hierhin. Das Gebäude, das aus der Nähe wie eine große Kapelle aussah, schien leer und verlassen. O.k. – dachte er – wenn die Tür verschlossen ist, drehe ich um und laufe.
Doch sie war nicht verschlossen – er ging hinein.
Es war ein Kraftort. Er spürte es sofort – es ging durch ihn hindurch, wie eine von unten aufsteigende Schauer, die im Kopf explodierte. Er sah noch eine zweite Tür – eine Schwenktür – am Ende eines kurzen Durchganges, als sich die Eingangstür hinter ihm schloss und er plötzlich in völliger Dunkelheit da stand. Es war so dunkel, dass es heller schien, als er die Augen geschlossen hatte. Er ging drei Schritte vor als seine Hand das Holz der Schwenktür berührte – er ging hindurch und konnte wieder sehen.
Amorat der Narr stand in einem recht großen, hohen und fast leeren Raum – nur in der Mitte stand etwas. Und es war still. Die Nacht und der Wald sind mit all ihren Stimmen draußen geblieben – hier war es komplett still, so dass ihm sogar sein Atem zu laut wurde und er ihn automatisch verlangsamte, um leiser zu sein, die Stille nicht zu stören.
Er ging zur Mitte des Raumes.
In einem Kreis aus dunklen Steinen auf einem sonst hellen Steinboden stand ein quadratisches Holzgestell mit einem riesigen Gong dazwischen. Das ist ja ein Ding – dachte Amorat der Narr – ein großer Filzschlegel hing am Gestell. Er nahm den Schlegel in die Hand und setzte sich auf dem Boden hin. Und ließ die Gedanken fließen.
Noch vor kurzem las er in einer Botschaft, dass viele der alten Kraftorte wieder wirken und dass viele neue entstehen. Er fühlte es – das hier war ein sehr alter Kraftplatz, es floss durch ihn hindurch. Alle alten Kirchen und Kapellen standen auf viel älteren Orten der Kraft.
Er schaute auf den massiven Gong – es gab nur ein Symbol in der Mitte – einen Kreis mit einem Punkt mittendrin. Es ist ein Sonnengong, dachte er – ein Kreis im Quadrat ist der Geist in der Welt, das waren das Gestell und der runde Gong, und darauf das Symbol für das Licht. Und Kraft.
Amorat der Narr schloss seine Augen und fühlte seine Gegenwart – die Stille um ihn herum pulsierte.
Die Hand mit dem Schlegel ging hoch – ganz leicht schlug er auf.
Der Raum lebte auf – in Wellen strahlte der Gong seine Kraft und hallte noch eine Ewigkeit nach.
Lange saß er da und hörte, wie der Gong in seinem inneren weiter und weiter klang und er wusste – das war der Ort, an dem sich die Kräfte der Erde und der Sonne gebündelt vereinten.
Seine Hand ging wieder hoch und er schlug zwei Mal – das erste Mal leichter, dann richtig fest – plötzlich war alles in Bewegung – Amorat der Narr schloss wieder die Augen fühlte wie er sich auflöste, er war nicht mehr da – es gab nur noch eine pulsierende Welle, die in alle Richtungen strahlte.
Als er seine Augen wieder öffnete wusste er erstmal nicht wo er war – in seinem inneren hallte noch der Gong – und es dauerte noch eine ganze Weile, bis er realisierte, dass er zuhause war. In seinem Bett.
Er schaute auf die Uhr – es war 3:33.
Amorat der Narr ging wieder in den Wald. Er brauchte ein paar Antworten. Diesmal packte er den Rucksack und nahm auch sein Didgeridoo mit. Er erwartete nicht, dass er die Kapelle vom letzten Traum wieder findet – und fand sie auch nicht. Aber er fand die Lichtung wieder, von der er letztens losgelaufen ist. Er schaute sich um. Es war ein schöner Platz – vom Buschwerk und hohen Bäumen umgeben, groß genug, um ein gutes Stück des wolkenlosen Himmels freizugeben. Es war ein guter Platz.
Amorat der Narr blieb eine Weile in der Mitte stehen, dann setzte er sich hin. Er wollte sicher sein, dass er hier heute Nacht bleiben und Feuer machen durfte. Das war seine Absicht – mal wieder ins Feuer zu schauen und zwischendurch ein wenig Didge zu spielen.
Er schloss die Augen und bat um Erlaubnis – den Platz, den Wald und die Erde.
Wasser - dachte er – er hatte Durst nach der längeren Wanderung. Er nahm ein Schluck aus seiner Wasserflasche – dabei schaute er hoch und sah den Mond auf dem noch hellen Himmel sich über die Bäume erheben – ach, dachte er und schaute in Richtung Sonne, die langsam hinter den Baumkronen verschwand. Sonne und Mond an einem Himmel, dachte er – das ist ein gutes Zeichen.
Danke – sagte er leise, weil es für ihn wie ein kosmischer Segen für seine kleine Zeremonie war. Ein Wind ging durch die Baumkronen und es schauerte ihn. Er berührte die Erde und sagte noch mal – Danke.
Dann nahm er vier Steine aus der Ledertasche, die er immer an seinem Gürtel trug – vier kleine Bergkristalle – „jeder Stein ist Licht, verlangsamtes, verknotetes – und Licht ist der Traum eines jeden Steins“ – wir sind das Licht - dachte er, als er sie in den Händen hielt. Er orientierte sich kurz, dann vergrub er einen nach dem anderen an vier Stellen am Rande der Lichtung – in vier Himmelsrichtungen.
Er hatte nicht mehr viel Zeit, nicht mehr viel Tageslicht - er nahm den kleinen Spaten aus dem Rucksack und machte sich dran, in der Mitte der Lichtung eine Feuerstelle zu machen. Er nahm die Grasbüschel mit Wurzeln und Erde vorsichtig raus und legte sie an der Seite – sie kommen später an ihren Platz wieder. Dann sammelte einige Steine in der Umgebung und machte einen Kreis. Als er zufrieden war, machte er sich in den Wald, Holz zu sammeln – es musste für einige Stunden reichen – von der einen bis zur anderen Dämmerung, dachte er. Er schleppte einiges an, nahm sein kleines Beil und hackte alles in handliche Stücke – die Arbeit machte ihn irgendwie glücklich, vielleicht war es auch die Vorfreude – er liebte das Feuer, es war wie ein Teil von ihm. Schon seitdem er denken konnte.
Der fast schon volle Mond hing über seinem Kopf am dunklen Himmel inmitten der Sterne, als die Feuerstelle erwachte. Amorat der Narr war glücklich. Weil alles passte – er konnte es genau fühlen. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und er tat das richtige – er war der Wächter des Feuers – kümmerte sich drum, dass es gut brennen konnte.
Er schaute in die Flammen. Reine Energie, immer in Bewegung. Lange schaute er hinein.
Er sah das Licht der Erde, das Licht der Sonne und des Mondes.
Bis er selbst zu den Flammen wurde. Und er schaute hinaus – und sah den Urmenschen in seinem Fell in die Flammen schauen, den Schamanen, der rhythmisch mit seiner Rassel rasselte, den Beduinen, den Druiden, den Sadhu, die alte Hexe - so viele Gesichter, in denen er sich wieder erkannte…
Ein Windstoß ging durch ihn hindurch und er saß wieder da – am Feuer.
Er nahm das Didgeridoo in die Hand und pustete es durch – der Wind, dachte er – dann begann er langsam zu spielen – er musste sich stimmen, den Atem finden – so spielte er nur einen Atemzug, unterbrach, atmete ein und spielte den nächsten – sie waren jedes Mal etwas länger. Er suchte den Pfad, den Rhythmus – als ein Windstoß durch das Feuer ging, fand er einen und begann zu spielen – eine Welle nach der anderen, ohne Unterbrechung, erst langsam, dann immer schneller. Der tief rollende, pulsierende Klang vermischte sich mit den Stimmen des Feuers und des Waldes – ein Vogel rief in der Dunkelheit und er antwortete, sein Atem wurde zum Klang, er selbst wurde zu dem was er spielte, er schloss seine Augen und ging in der Wellenbewegung völlig auf.
Nach einer Ewigkeit öffnete er die Augen und schaute wieder ins Feuer – er war wieder zurück. Er schaute nach rechts und sah jemanden neben sich sitzen.
- Sei begrüßt, sagte Mahasamatman der Schweigsame und schaute ins Feuer – ein gutes Feuer...
- Sei begrüßt, antwortete Amorat leicht verwirrt, wie immer nach längerem Didgeridoo-Spielen – ja, ein gutes Feuer, sagte er und schwieg.
Er legte das Didge an der Seite und ging um das Feuer, um es neu zu richten, weil es mittlerweile gut abgebrannt war, dann legte er neue Holzstücke nach.
- Es ist ein heiliger Raum, den du hier betreten hast, sagte Mahasamatman und schaute dem Amorat direkt in die Augen, als der sich wieder setzte. Amorat der Narr erinnerte sich an all die Augenblicke, in denen er in den Spiegel schaute und sich selbst nicht erkannte – sag mal – wer oder was bist du eigentlich? fragte er leise.
- Ich hab viele Namen und viele Gesichter, aber letztendlich – ich bin du, auch wenn du es nicht glaubst – somit wäre wichtiger die Frage, wer du eigentlich bist - sagte Mahasamatman und lächelte.
Lange saßen sie einfach nur da, schauten ins Feuer und schwiegen.
- Was wollte mir der Traum von der Kapelle mit dem Gong sagen? fragte Amorat.
- Es ist der heilige Ort in deinem Herzen, nichts anderes als dieser Ort hier und dieser Augenblick jetzt – vielleicht einfach nur eine Aufforderung, ihn öfters zu besuchen.
Amorat nahm wieder sein Didge und begann zu spielen – lange spielte er, unterbrach manchmal kurz, um sich um das Feuer zu kümmern oder etwas Wasser zu trinken, und spielte dann weiter, bis in die Morgendämmerung. Und Mahasamatman tat was er meistens tat – er schwieg. Als Amorat das Licht des neuen Tages bemerkte, stellte er fest, dass er wieder alleine ist – es wird Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen, dachte er.
Als Amorat so durch den schnee-stillen Wald ging,
ging ihm ein Gedanke durch den Kopf:
Durch Täler und andere Höhepunkte führt des Wanderers Weg.
Es ist soweit, dachte Amorat, als er durch den sonnendurchfluteten Wald ging – endlich –
die Erde atmet auf, überall neues Leben drängt zum Licht – Knospen überall und frisches Grün
des neuen Frühlings – und das Licht - es scheint heute den ganzen Tag schon – Amorat war dabei,
als die Sonne kam, er begleitete sie den ganzen Tag lang und er wird dabei sein, wenn sie
wieder gehen wird und die anderen Sterne kommen werden… ja schön ist der Tag heute –
so lichtvoll, so warm und gleichzeitig so verträumt… Amorat blieb stehen, machte die Augen zu
und schaute die Sonne an – ein Lächeln stieg in ihm auf und er lächelte und fühlte ihre Kraft,
die ihn und alles um ihn herum zum Blühen und Singen brachte – die Erde antwortet der Sonne
mit Leben und hier, genau in der Mitte treffen sich die Kräfte und ich atme ein… und ich atme aus
– Danke – sagte er nach einer Weile leise und ging weiter seines Weges…
Erde atmet die Wolken aus
Stille über dem Wald
nackte Füße im Morgentau
in ersten Sonnenstrahlen