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Vollständige Version anzeigen : Religiöse Erfahrungen und Irrwege



Shay
19.02.2005, 21:02
Hallo meine lieben Kriegerinnen, Krieger und Wächter,

sicher hat der oder die eine oder andere von Euch schon mal verschiedene "religiöse Experimente" hinter sich gebracht, die ihm positive oder negative Erlebnisse beschert haben.
Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich im Alter von knapp 20 Jahren an eine Gruppe von Studenten geraten bin, die sich "Die Navigatoren" nannten. Vielleicht habt Ihr von ihnen schon mal gehört; es handlt sich hauptsächlich um studenten und Azubis, die einen Weg einschlagen, der den freien evangelischen Kirchen (Baptisten) ähnlich ist. Die Truppe, die ich damals kennenlernte, war ein eigentlich recht fröhlicher Haufen aus Aachen, mit denen ich sehr gut klar kam und die mich sehr freundschaftlich direkt unter ihre Fittiche nahmen. Ich war damals sehr kapitalistisch und geldorientiert drauf und lernte von ihnen, dass es viel mehr und erstebenswerteres gibt, als nur Kohle zu scheffeln.
Leider haben wir uns nach ca. zwei Jahren wieder überworfen, weil die Leute meine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, nicht akzeptieren wollten.
Das hat bei mir erst mal zu einem Bruch mit allem religiösen geführt, weil mich diese Haltung so schockiert hatte, dass ich glaubte, selbst die jungen Leute, die ein "gottgefälliges" Leben propagierten, mich nur verar***ten. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich merkte, dass mir eine religiöse, ethische und moralische Heimat fehlte. Hier, bei Euch Kriegern, hoffe ich, diese Heimat nun gefunden zu haben. Eine Heimat ohne Zwänge und Dogmen.
Wie seht Ihr das?

Alles Gute Euch allen:

Shay

Angel of Destiny
21.02.2005, 13:49
Hi Shay,

also ich bin evangelisch aufgewachsen. Doch es fehlte mir was und ich konnte nicht alles glauben, was man mir damals erzählte..
Irgendwann kam ich auf den Trichter, weil ich mich mit Magie und Hexerei
beschäftigte, hey ich bin Hexe und als Hexe ist man Heide/Wicca/Pagan oder wie man das auch immer nennen mag..
Aber auch das war nicht stimmig für mich und mitlerweile sehe ich mich als
"nicht-ein-zu-ordnen" oder "nirgens-zu-gehörig" :D

Ich gehe meinen Weg, mit meinem Glauben an Gott, die Welt und das Universum..

Ich fühle mich nicht mal hier zu gehörig, ich passie irgendwie nirgens wo rein oder dazu...
Das ist wohl auch der Grund warum ich keine Freunde habe.. ;)
Oder liegt es an mir, meinem Denken?? Jedenfalls passe ich mich nicht an, nur
um wo zuzugehören...

Aber ich glaube nun bin ich am Thema vorbei...*gg

Liebe Grüße

Angel

odysseus
22.02.2005, 10:51
Hallo Shay,

ich kann verstehen, dass Dich die Erfahrung, die Du mit den "Navigaroren" gemacht hast, schockiert hat. Das führte dann eben auch zu Deinem "Bruch" mit allem Religiösen. Wenn man den Glauben aber Ernst nimmt (und das haben diese "Navigatoren" wohl nich nicht gemerkt), dann bedeutet er Freiheit und eine andere Lebensqualität. Gott selbst will ja, dass wir uns frei entscheiden und dazu hat er uns auch unseren Verstand gegeben (vgl. Geschichte vom Garten Eden). Der Zwang, den einige religiöes Gruppen propagieren, resultiert m.E. aus Unsicherheit mit der Lebensfülle klar zu kommen. Man kann das liebevoll akzeptieren und hoffen, dass sich der Knoten bei diesen Leuten irgendwann mal löst. Wenn man aber auf der Suche ist (und nach Orientierung sucht), dann neigt man gerne dazu, das "Religiöse" auf einzelne Gruppen zu reduzieren. Ich finds gut, dass Du aus Deinem "Trauma" (entschuldige bitte diesen Begriff) gelernt hast und dass Du dieser Gruppe den Rücken gekehrt hast, denn sie würde Dich nur am Wachsen hindern - und das ist ja auch, was Gott will. Er liebt uns viel zu sehr, als dass er uns versklaven wollte.
Was Du schreibst: ohne "Zwänge & Dogmen" dann kann ich Dir nur zustimmen. Dennoch: es gibt gewisse Pflichten. Für mich ist das z.B. der Sonntagsgottesdienst (wenngleich ich mich manchmal über die Ausführungen in einer Predigt ärgere: aber: auch der Pfarrer ist Mensch). Weißt Du: Pflicht kommt ethymologisch von "pflegen". Alles was man nicht pflegt, das verkümmert auch (wie eine Pflanze) - und wenn man verkümmert (und dies gilt m.E. nicht nur für den Glauben), dann wird man lau.... Ich wünsch Dir viel Erfolg und alles Beste auf Deiner Suche, die Begegnung mit vielen mehr oder weniger freien und spirituellen Menschen, an denen Du Dich reiben kannst, denn nur so wirst Du wachsen!
Liebe Grüße,
odysseus

Shay
22.02.2005, 20:40
Hallo Odysseus,
erstmal Danke für Deine Zeilen.
Die Sache ist bei mir die, dass ich mich nie in irgendwelche Formalismen pressen lassen wollte. D.h., das will ich auch heute nicht, weshalb ich auch heute immer noch bei allen möglichen Menschen (vor allem Vorgesetzten) anecke. Mein Leitspruch dabei: "Die kochen auch nur mit Wasser!".
Eine Predigt bei einem Sonntagsgottesdienst kann durchaus viel erhellendes besitzen. Aber ganz ehrlich - ich mache meine erfahrungen lieber selbst, als dass ich sie mir von einer Kanzel herab anhöre. Das mag jetzt ziemlich schnippisch oder aufgeblasen klingen, aber ich lerne halt nicht gerne von anderen - auch wenn ich meine eigenen Erfahrungen gerne weitergebe an die, die sie hören wollen.
Das "Aneinander-Reiben" ist für mich in der Tat eine ganz wichtige Sache, denn so erfahre ich mich selbst, ich kann so meine eigenen Grenzen, die Ausdehnung meiner eigenen körperlichen, geistigen und geistlichen Hülle erfahren. Natürlich kommt es dabei auch mal zu Blessuren, aber auch die brauche ich, um zu erkennen, dass ich es mal wieder zu gut gemeint habe.
Es ist also tatsächlich das Gespräch von Aug' zu Aug' sozusagen, das mich weiter bringt, als eine Predigt, ein Monolog eines in seiner Tradition verhafteten Geistlichen. Ich kann eben nicht in der Kirche aufstehen und sagen: "Pastor, was erzählst Du da, kannst Du es nicht auch mal von der und der Warte aus betrachten?"
Ich habe auch schon darüber nachgedacht, ob ich mal bei einem Bibelkreis oder ähnlichen reinschnuppern sollte. Nur besteht meine Religion, mein Glaube eben nicht nur allein aus dem Christentum (auch wenn ich selbst evangelisch-lutherisch getauft und konfirmiert bin), sondern auch aus Elementen des Buddhismus, des Islam, des Sufitums und quasi allen anderen für mich ethisch-moralisch vertretbaren Religionen und Glaubensrichtungen. Ich KANN das Christentum bzw. den christlichen Glauben nicht als einzig heilbringende Glaubensform anerkennen. Ich habe eine tiefe und ehrliche Abneigung gegen jegliche Form von Absolutismus. Daher habe ich auch an anderer Stelle bereits Jesus zitiert, der sagte "An den Früchten sollt Ihr sie erkennen!"
Also nicht allein das Dogma zählt, nicht das Bekenntnis, das einer ausspricht, nicht das gelernte und zitierte Gebet, sondern das, was er tut und was er daraus lernt. Ich kann täglich zwanzig Vaterunser beten, ich kann Rosenkränze daherleiern bis mir die Spucke siedet, ich kann nach Lourdes oder Rom oder santiago pilgern, das alles ist völlig wertlos, wenn ich nicht tagtäglich meinen Glauben lebe und mich dem verpflichtet fühle. Und wieviel hat das, was mir mein Pfarrer am Sonntagmorgen erzählt, mit dem zu tun, was ich tatsächlich lebe? Wieviel ist das Wort wert, wenn die Tat fehlt?
Natürlich, ich versuche, mich an der Bibel zu orientieren, respektiere, achte und befolge die zehn Gebote - und mache massenhaft Fehler, an denen man gut erkennen kann, dass ich ein ganz normaler Mensch bin. Aber: ich weiß sehr gut um meine Fehler und arbeite daran. Und das ist meines erachtens das Wichtige. Nicht das, was ich erzähle oder höre.

Euch allen einen wunderschönen Abend, lasst es Euch gut gehen und bleibt gesund, meine Freundinnen und Freunde!

Shay